Ein Reisebericht von Clemens August Spiekermann

Im Tal der schönsten Ghasghai-Frauen!

Auf der diesjährigen Frühjahrsreise waren Susanne Mayer, Stefan Küstermann, Martin Ehniss, Dominik Premper, Peter Sattler und C.A. Spiekermann die Teilnehmer dieser Reise.

Wie immer ging die Reise von Frankfurt aus mit Iran-Air direkt bis Teheran. Zu den Gewohnheiten dieser Reisen zählt, dass die Teilnehmer eine gute Kondition mitbringen müssen, denn auf dem Hinflug wird auf eine Übernachtung verzichtet.

Die Nacht verbrachten wir auf dem Flughafen und konnten so erste Kontakte zu Einheimischen knüpfen, die natürlich wissbegierig waren, wohin unsere Reise denn gehen sollte.

Der Weg zwischen Mehrabad-Airport und Domestik-Airport kann normalerweise gut zu Fuß zurückgelegt werden, wenn nicht zu viel Gepäck dabei ist. Aber diesmal musste viel Material mitgenommen werden und dazu waren Taxen erforderlich für den Transport.

Also 2 Minuten per Taxi und pro Person forderten die Taxi-Fahrer USD 10,-, hatten aber nicht damit gerechnet, ortskundige Reisende vor sich zu haben. Nach sehr heftigen Wortgefechten war die Sachlage geklärt.

Am Domestik-Airport herrschte gegen 03.30 Uhr schon reges Treiben und die ersten Schlangen vor den Abfertigungsschaltern bildeten sich.

Ein ruhiger Flug um 05.15 Uhr brachte uns nach Shiraz, wo wir nach einem kurzen Frühstück sofort wieder aufbrachen um unsere Erkundungs- und Kontrollreise zu beginnen. C.A. Spiekermann hatte im Sommer des letzten Jahres ein Dromedar Namens  „LISA" gekauft und es bei den dort lebenden Nomaden gelassen und es im August letzten Jahres noch einmal in einem entfernt liegenden Ort besucht. Unser ortskundiger Scout wusste, auf welcher Route die Nomaden in diesem Jahr wandern würden und so sahen wir nach einer Fahrt von gut 1 1/2 Stunden am Horizont unsere Dromedar-Herde.

Eine Zeltgruppe von 4 Zelten bildete ein Lager und wir erfuhren sehr schnell, dass durch doch relativ gute Witterung die Wanderung in diesem Jahr nicht so weit gehen sollte. Natürlich waren wir gespannt wie es unserem Freund Azizollah Filebandi mit seinen nunmehr 72 Jahren gehen würde und unsere Vorahnung wurde bestätigt. Die Schicksalsschläge des letzten Jahres (1 Sohn durch einen Autounfall und 1 Sohn durch Blitzschlag verloren) haben ihn über den Winter doch in arge gesundheitliche Probleme gebracht, so dass er die Wanderung in diesem Jahr nicht mehr aufnehmen konnte. Ich hoffe, Azizollah auf einer der nächsten Reisen an seinem jetzigen Aufenthaltsort besuchen zu können.

Als erstes haben wir dann die Futterkosten für das laufende Jahr bezahlt, wovon 50% als Zahlung an Azizollah Filebandi weitergeleitet werden.

Lisa mit der gesamten Herde war an einen anderen Nomaden übergeben, an unseren neuen Führer Karemali, der mit seiner Familie auch die Betreuung der anderen Dromedarherde (Schwägerin von Azizollah) übernommen hat. Etliche Jungtiere haben die Herde auf 45 Tiere anwachsen lassen. Uns wurde eine überaus freudige Überraschung mitgeteilt. Lisa ist trächtig und erwartet im Februar 2002 Nachwuchs. Also nun sind wir guter Hoffnung, dass alles glatt läuft und wir im Frühjahr kommenden Jahres den Nachwuchs begutachten dürfen. Viele unserer dortigen Freunde werden sich nach der Geburt des kleines Dromedars zu einem Fest dort einfinden (ich werde berichten). Mit der neuen Familie wurden schnell neue und enge Kontakte geknüpft und vor allen Dingen die jungen Nomaden versuchten, auf englisch mit uns in Kontakt zu kommen, was nicht ganz unproblematisch war. Das Schulzelt war schon aufgebaut und so wurde der Wanderlehrer für die nächsten Tage erwartet.

Wir wurden mit einem fürstlichen Mahl bedient und konnten danach eine kurze Siesta halten, bevor wir den Rückweg antraten. Unmittelbar in der Nähe des Sommerlagers haben sich in der vergangenen Jahres einige Nomadenfamilien angesiedelt, die die Wanderung aufgegeben haben. Eine kleine 1klassige Schule war gebaut worden, für die wir als internationale Arbeitsgemeinschaft CONSULAT DES TEPPICHS® sofort die Patenschaft übernommen haben. Hilfe zur Selbsthilfe soll auch hier durch uns geleistet werden. Bei der nächsten Reise werden wir dieser kleinen Consulats-Schule alle notwendigen Utensilien für den Unterricht übergeben und einen finanziellen Beitrag zu den laufenden Schulkosten leisten, damit die Nomaden weniger Kosten selbst tragen müssen..

Am Nachmittag dieses 1. Tages haben wir dann noch den Basar in Shiraz besucht, der uns wie immer ganz besonders beeindruckt hat. Der Basar in Shiraz kann wohl als der schönste und sinnlichste Basar angesehen werden. Alte Freunde trafen wir wieder.

Der kommende Tag wurde für Gespräche im Basislager genutzt und zur Besichtigung zahlreicher Knüpfstühle in unmittelbarer Nähe. Am späten Vormittag brachen wir auf in Richtung Süden, um bei unseren dortigen Freunden die Fertigung der BODENSCHÄTZE für unseren großen Ausstellungskatalog „HALI-KHAN®" zu überprüfen.

Mit ganz großer Freunde konnten wir ein besonders schönes Exemplar kurz vor der Fertigstellung sehen. Dieses neue Classic-Dessin einer neuen Qualität bekam den Titel „Das Tor zum Paradies".

Alle von uns besichtigten Bodenschätze© waren absolut einwandfrei und uns überraschte die noch einmal verbesserte Knüpfqualität. Die Bodenschätze© aus dieser Region können als BEST OF THE BEST angesehen werden, wovon sich die alle Mitreisenden ausführlich überzeugen konnten.

Leider war die Zeit viel zu kurz und so machten wir uns auf die Rückfahrt und hatten noch ein absolut tolles Erlebnis. Eine von uns betreute Nomadenfamilie hatte direkt an der Straße auf einem Abhang das Lager aufgerichtet und so konnten wir die Symbiose zwischen Original und Realität feststellen. Die Nomaden haben die Farben der Steine dieses Abhanges in die neuen Kreationen aufgenommen.

Nach einer kurzen aber tiefen Nacht machten wir uns am nächsten Tag um 07.00 Uhr auf den Weg in die Zagros-Berge und trafen auf die ersten Wandernomaden, die natürlich nicht gerade begeistert waren, als sie merkten, dass wir unsere Kameras bereit hatten. An dieser Stelle entschuldigen wir uns für unsere Fotos, aber wir wollen natürlich dem interessierten Kunden schon vor Augen führen, unter welch harten Bedingungen unsere Nomaden leben.

Nach 2 Stunden Fahrt machten wir Rast an einem Gebirgsbach, Nomaden lagerten in der Nähe.

Danach ging es weiter zur nächsten Nomadensiedlung und die ersten Kontakte zu unseren dortigen Freunden wurden alsbald geknüpft. Die ersten "Bodenschätze" und "Findlinge", also fantastische Teppiche wurden entdeckt. Erst gut 4-6 Wochen wird an den neuen Stücken gearbeitet, denn bekanntlich wird immer zum Nouruz-Fest versucht, die Knüpfstühle frei zu haben.

Wir kletterten mit unseren Fahrzeugen den Pass hinauf bis auf 2400 m Seehöhe und dann tat sich vor unseren Augen das große Tal auf. Wir waren im „Tal der schönsten Ghasghai-Frauen".

Unsere dortigen Freunde hatten für uns ein Mittagsmahl vorbereitet, was uns wieder einmal beschämt hat, denn wir können nur durch unsere Betreuung diese Gastfreundschaft erwiedern.

Leider trübte sich das Wetter ein, ungewohnt für diese Jahreszeit.

Am Nachmittag haben wir dann die schönsten Ghasgahi-Frauen besuchen dürfen, die mit neuen Findlingen® für uns begonnen hatten. Besondere Freude hatten die Nomadinnen darüber, dass wir die Kataloge mit den Bildern der letzten Reise dabei hatten. Wir hatten wieder ganz großes Glück. Zwei große 300 x 400 cm Teppiche, an denen über 1 Jahr gearbeitet worden war, waren fertig und wurden in unserem Beisein vom Knüpfstuhl geschnitten. Eine besonders heikle Sache, denn sobald die Schere falsch angesetzt wird, kann sich die Kette falsch lösen und zu erheblichen Problem führen. Und wenn das Werk dann gut gelungen ist, dann gibt es einen Extra-Lohn.

Viele lustige Begegnungen zeichneten diesen Tag aus, wovon eine besonders in unserer Erinnerung bleiben wird.

Eine Knüpfgruppe von 6 Frauen war mit der Fertigung beschäftigt und ein kleines Baby, etwa 4-5 Monate alt lag ruhig auf den Kettfäden, während die Frauen lustig miteinander schwatzen und die Kette anschlugen. So wird der Rhythmus bereits praktisch mit dem Alltagsleben aufgenommen.

Zu unserer Reise gehört aber immer auch die Produktkontrolle und dort wo notwendig wurde ausführlich diskutiert und eingegriffen, denn schließlich legen wir Wert auf einwandfreie Knüpfausführung und nicht immer verstehen die Frauen unsere Einwendungen oder Kritikpunkte, denn schließlich können sie sich nicht vorstellen, warum so exakt gearbeitet werden muß.

Was tun die Nomaden nach Einbruch der Dunkelheit? Eine gute Frage, die jeder für sich beantworten mag. Dominik Premper hatte ein Kartenspiel mit und alsbald spielten zwischen 8 und 12 Männer in lustiger Runde ein Kartenspiel, welches nicht von schlechten Eltern war. Auch ohne direkte Verständigung Farsi/Deutsch klappte es perfekt und bis spät nach Mitternacht gab es keine Ruhe.

Susanne Mayer wurde von den Nomadenfrauen mit einem Kleid beglückt und so empfand sie sich schnell als Ghasghai-Frau und wenn man es nicht gewusst hätte, wäre es kaum jemandem aufgefallen.

Wir fielen in einen tiefen Schlaf, in dem die letzten Bäume des Schwarzwaldes und des Hertener Stadtparks umgesägt wurden. Die beiden Baumfäller, als mehrfache Gäste waren davon aber unbeeindruckt.

Gute Nacht!

Kurz vor 8 Frühstück, frische warme Milch, Eier, Käse, Fladenbrot, Melone, einen guten frischen heißen Tee und los ging die Fahrt in die Berge.

An den Bergabhängen befanden sich schon viele Nomadenzelte, aber offensichtlich waren noch nicht alle Nomaden am Ziel angekommen.

Naturfarbene JANIHALI© aus dem "grauen Dorf" wollten wir finden – und wurden fündig. Zuerst wurden wir mit der Tatsache konfrontiert, dass vor wenigen Wochen Grabräuber am Werke waren und einen der wenigen Grabhügel in der Landschaft geplündert hatten, in der Hoffnung wertvolle Schmuckstücke zu finden. Erst kürzlich waren auf etlichen Friedhöfen die Steinlöwen zerschlagen worden, weil man der Meinung war, in den Köpfen dieser Löwen wären Schmuckstücke versteckt. So wurden Zeugen jahrhundertealter Kultur zerstört.

Wir fanden aber in dem Dorf, welches vor etwa 200 Jahren erstmals besiedelt wurde wunderschöne JANIHALI© - FINDLINGE, die wir alsbald präsentieren können.

Nach der Inspektionstour dieses Morgens ging es nach 2 Stunden direkt in die Bergeregion, wo wir unsere Wandernomaden zu finden hofften. Es trübte sich ein und so fanden wir das erste Zelt bei strömendem Regen. Schnell schlüpften wir unter das Ziegenhaar-Dach unter dem es wohlig warm war. Ein kleines Feuer wärmte den Innenraum und wir konnten den Wassertest am eigenen Leibe spüren – trotz strömendem Regen, das Zeltdach war dicht. Ein Phänomen aus Ziegenhaar. Wir wurden vom Sippenältesten freundschaftlich begrüßt, der sich erinnerte, dass wir vor einigen Jahren schon einmal sein Zelt besucht hatten. Wir hatten nicht damit gerechnet schon ein gutes Stück finden zu können, doch das was auf dem Knüpfstuhl entstand verschlug uns fast die Sprache. Ein Kirkuhali® modernes Dessin in extrem guten Farben war hier in Arbeit durch 2 Ghasghai-Frauen, die für ihre tolle Idee und Leistung einen Extra-Lohn bekamen. Für so viele Gäste hatte man nicht genug Gläser und so reichten wir 2 Teegläsern reihum und wärmten uns von innen, denn es war mit dem einsetzenden Regen sofort kalt geworden.

Natürlich beschlugen in unseren Fahrzeugen sofort die Scheiben und es dauerte ein wenig bis wir wieder freie Sicht hatten. So plötzlich wie der Regen einsetzte – leider zeigte sich bei dieser Reise kein Regenbogen – so schnell war er auch wieder verschwunden und wir konnten unsere Fahrt über holpriges Gelände fortsetzen.

Weitere Zelte wurden besucht und gute Findlinge® entdeckt. Diese werden bis Ende des Sommerlagers ca. Ende August fertig sein und dann unsere Kollektion 2002 verschönern.

Jung und alt leben im Familienverbund – Großmutter und Enkel leben selbstverständlich miteinander, für den Berichterstatter wieder einmal mehr die innere Bestätigung und Veranlassung, alles zu tun, damit diesen Nomaden bei aller Härte des Alltagslebens die Wanderung weiterhin erhalten bleibt. Wenn wir auch meinen, mit der Sesshaftwerdung würde das Leben besser, dann mag dies zwar aus unserer Sicht stimmen, meine eigene Erfahrung zeigt aber, dass die Vollnomaden, bei aller Problematik, ein besseres und erfüllteres Leben führen. Meine Bemühungen gehen dahin, den Familien, die ich durch meine Arbeit erreichen kann, durch Aufträge die bestmögliche Unterstützung zu geben, zwar durchaus ein wenig mehr zu zahlen als üblich, damit aber mit wahren Kunstwerken belohnt zu werden. Jeder, der einmal eine Reise zu den Vollnomaden erlebt hat, ist der gleichen Meinung.

Beim letzten Zelt trafen wir dann zu unserer Überraschung auf eine schwer bewaffnete Ghasghai-Freundin, die stolz das Gewehr ihres Mannes trug und sich im Notfall auch selbst mit dieser Waffe verteidigt hätte. Das Leben in der freien Natur ist ja nicht ungefährlich, wie wir im letzten Jahr (siehe Bericht 2000) am eigenen Leibe erleben durften.

Leider hieß es Abschied nehmen von dieser Region, weil unser Zeitplan eingehalten werden musste.

Wir verabschiedeten uns von unseren Freunden in dieser Region und traten den Rückweg durch bergiges Gelände an.

Ein Picknick am Wegesrand, in der Nähe eines Nomadenlagers brachte noch einmal ein Überraschung. Auf einem Friedhof entdeckten wir das Grab eines Ghasghai-Mannes, welches mit einem Steinlöwen geziert war. Mit dem notwendigen Respekt, durften wir ein Foto davon machen. Der Löwe als Sinnbild für Kraft und Mut ist in der Mythologie der Ghasghais immer noch ganz stark verwurzelt. Kraft und Mut des Löwen wollen wir aufbringen im Kampf gegen die weiterhin vorhandene Orgie an Betrug im Handel, im Kampf für das authentische Produkt, im Kampf für eine sozialverträgliche Produktion und im Kampf gegen die Ausbeutung.

Landschaftseindrücke unbeschreiblicher Art ließen die Zeit im Nu vergehen und wir kamen am Abend völlig erschöpft und ermattet wieder in Shiraz an.

Natürlich darf ein Besuch in Shiraz nicht ohne einen Besuch am Grabmahl von HAFEZ enden, dem grossen persischen Dichter. Im angrenzenden Teegarten verbrachten wir mit unseren Freunden noch einige Zeit bei Tee und Wasserpfeife und freuten uns des Lebens.

Am Vormittag des folgenden Tages machten wir uns auf zur Färberei, wo wir uns mit dem Thema Pflanzenfarben und der Färbemethode auseinandergesetzt haben. Alle Mitreisenden konnten Sie selbst in Augenschein nehmen, wie die Wolle für unsere Bodenschätze© und FINDLINGE® gefärbt wird.

Ein ruhiger Flug in den Mittagsstunden brachte uns zurück nach Teheran. Die Stadt lag wieder voll im Smog und so waren wir froh, dass wir direkt in die Außenbezirke fuhren, um die Wäsche unserer Produkte zu kontrollieren und zu begutachten. Wir konnten den gesamten Waschprozess begutachten. Zur Schonung unserer Bodenschätze® ist die Waschmethode in wesentlichen Teilen verändert worden und das Ergebnis hat uns überzeugt.

Die Strapazen der Reise steckten uns in den Knochen – trotzdem haben wir den Abend in geselliger, typisch persischer Runde in einem persischen Restaurant, bei herrlichem Gesang der Nachtigall verbracht -Gol-oboll-boll -.

Alle Produktionsstufen haben wir auf dieser Reise kontrolliert, bei einigen Kleinigkeiten noch einmal eingegriffen und so die partnerschaftliche Organisation vor Ort gestärkt.

Eine gute Reise ging zu Ende in dem Bewusstsein, dass die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft CONSULAT DES TEPPICHS® alles getan haben, für die eigenen Geschäfte, aber auch für die gesamte Branche einen Dienst zu leisten, damit das Kulturgut „ORIENTTEPPICH" wieder seinen kulturellen Stellenwert bekommt.

Der Berichterstatter

Clemens-August Spiekermann